500 sm am Wind mit Überraschungen . . .

1.Tag
Wir sind am Dienstag morgens kurz nach 8 Uhr gestartet. Dank der vielen Festmacher- und Grundleinen benötigten die Vorbereitungen fürs Ablegen weit über eine Stunde und die helfende Hand eines Marineros. Bereits im Vorhafen von Funchal haben wir das Großsegel gesetzt und sind dann im Windschatten der Insel in Richtung Porto Santo gefahren. Quer ab vom Flughafen Madeiras konnten wir mit guter Geschwindigkeit im flachen Wasser segeln.
Nachmittags, wir hatten bereits den östlichsten Punkt von Porto Santo passiert, telefonierten wir ein letztes Mal mit der SY Häwelmann, die uns mit 1 Stunde Abstand folgten. Wir würden uns in den nächsten Tagen nicht erreichen, da auf dem freien Wasser nur eine Satellitenkommunikation möglich ist, oder Kurzwelle, die wir nicht an Bord haben.

Porto Santo kommt näher . . .

Nach dem Erreichen des freien Wassers wurde die Windpilotanlage aktiviert. Bei häufig drehenden Winden und noch Seegang von gut 2m Höhe, wollte bei uns nicht so richtig Freude mit der Anlage aufkommen. Wir waren ununterbrochen mit dem Einstellen der Anlage beschäftigt, trotzdem geschah es immer wieder, das wir den eingestellten Kurs verloren und manuell eingreifen mussten. Hier war dann Handsteuerung angesagt. Nachdem wir Porto Santo hinter uns gelassen hatten, steuerten wir den nächsten Wegepunkt in 400 sm Entfernung an . . .
Nachmittags bemerkte Dörte unter dem Zusatzkühlschrank Dieselgeruch. Obwohl sie sofort versuchte die feuchten Stellen zu trocknen, es wurde nicht weniger. Bei dem Seegang war an eine grundlegende Problemlösung nicht zu denken. Immerhin hatten wir Zeit über die Ursache nachzudenken. Dabei fiel uns ein, dass in den Tagen in Funchal unter der Spüle so ein komischer Geruch hochkam, den wir einer überalterten Möbelpolitur zu schoben, die deshalb auch entsorgt wurde. Später untersuchte Felix noch den Tankgeber unseres Dieseltanks. Siehe da, hier gab es Dieselfeuchtigkeit, die durch nachziehen der Schrauben zumindest gestoppt werden konnte.
An diesem Nachmittag wurde unser Küchenpapiervorrat stark dezimiert, denn am späteren Nachmittag nahm der Seegang etwas ab, sodass das Hauptproblem angegangen werden konnte, denn bei dem Dieselgestank würden wir nachts nicht schlafen können.
Nachdem der Motorraum bei der Kontrolle sauber war, mussten die Bodenbretter aufgenommen werden. Hier zeigte sich die ganze Katastrophe. 2-3 Ltr. Diesel schwappten zwischen den Bodenversteifungen frei hin und her und hatten bei der Schräglage des Bootes unter dem Zusatzkühlschrank ihren tiefsten Punkt. Es begann eine mühsame Reinigungsarbeit, immer am Rande der Seekrankheit. Die vollgesaugten Küchentücher wurden mangels Alternativen über Bord entsorgt. Nach geschätzt 2 Stunden war das Meiste geschafft, die Bodenbretter konnten wieder eingebaut werden.

Aufnehmen der Bodenbretter . .
Fach um Fach musste die Dieselflüssigkeit aufgenommen werden, immer mit Kopf nach unten im Seegang . .


Wir hatten inzwischen die elektrische Selbststeuerung aktiviert, die mit den Wind- und Seegangsbedingungen ganz gut fertig wurde.
Schließlich waren wir heilfroh, dieses Problem soweit gemildert zu haben, dass ein Nachtschlaf möglich war. An Essen mochten wir an diesem Tag nicht denken . . .
In dieser Woche hatten wir einen besonderen Vollmond. Er war der Erde ungewöhnlich nahe, sodass die Nächte bei Wolkenlosigkeit besonders hell waren.

So richtig Zeit das zu genießen, hatten wir aber nicht, denn durch die häufigen Windrichtungs- und Windstärkenwechsel waren wir laufend am Reffen und auch Ausreffen. So wurden die Schlafpausen für uns viel kürzer als erwartet. Eine arbeitsreiche Nacht wurde zumindest mit einem guten Etmal (in 24 h abgesegelte Strecke) belohnt. 150 sm.

2.Tag
Der 2. Tag war eigentlich ganz entspannt. Der Seegang wurde flacher und wir hatten oft Sonnenschein. Um auf Wetterüberraschungen vorbereitet zu sein, haben wir morgens das 3. Reff vorbereitet.
Die Mannschaft hatte sich etwas an die Seefahrt gewöhnt. Es gab regelmäßige Mahlzeiten, wir hatten wieder Appetit. Durch unsere Verbindung zu Matthias, SY Shuenga, waren wir über die weitere Wetterentwicklung aktuell informiert. Natürlich erfuhren unsere Kinder auch, dass es uns gut ging.
Bei leichteren Winden fuhren wir über weite Strecken ungerefft und konnten deshalb etwas relaxen. Diesen Tag empfanden wir beide als erholsam.
Spätabends flaute der Wind ab, sodass wir den Diesel kurzzeitig mitlaufen ließen. Um Mitternacht gab es kurze Schauer, der Wind brieste auf, es war mal wieder ein Reff nötig.
In dieser Nacht gab es wieder schöne Vollmondblicke, leider fotografisch nicht festzuhalten. Für den/die Wachhabende(n) wurde es nachts richtig kalt, sodass unter dem Ölzeug alles an Unterzeug getragen wurde, was die Schränke so bereithielten.
3.Tag
Wir hatten in der Nacht wechselweise gut geschlafen. Am Morgen ermittelten wir ein Etmal von 132 sm. Nicht berauschend, aber mehr war bei den Verhältnissen, immer hoch am Wind und bremsender Welle nicht zu erwarten. Immerhin hatten wir damit mehr als die Hälfte der 500 sm geschafft und der Dieselvorrat sollte nun ausreichend sein.
An diesem Tag musste der Dieselmotor öfter laufen als uns recht war, denn wir hatten uns eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 5 kn vorgenommen, um sicher in dem Wetterfenster an der Algarve anzukommen.
Nachmittags gegen 17.00 Uhr gabs die nächste böse Überraschung, der Autopilot (Selbststeuerung) stellte seinen Dienst ein. Alle möglichen Ursachen wurden untersucht, während wieder von Hand gesteuert werden musste. Nachdem mechanische Blockaden des Antriebs ( freiräumen der Achterpiek ) ausgeschlossen werden konnten, ging’s an die elektrische Seite des Problems. Es stellte sich bald heraus, dass wir wenig hilfreiche Unterlagen für das Problem an Bord hatten. Die Prüfung von Spannungen und der Check der Sicherungen, Reserveteile hatten wir nicht dabei, ergaben keine Hinweise auf den Grund der Arbeitsverweigerung.
Immerhin hatte er fast 2 1/2 Tage störungsfrei gearbeitet.
Nun sollte der Windpilot nochmal getestet werden. Hoch am Wind, so 35-40 Grad gegen den Wind ging manchmal und manchmal nicht. Für die bevorstehende Nacht keine Lösung, wenn man auch mal 10 Minuten die Augen schließen möchte. Genauso schlecht ging das Festklemmen des Steuerrades, hier musste auch laufend nachkorrigiert werden. Eine anstrengende Nacht stand uns bevor.
Doch oh Wunder, 2 1/2 Stunden später versuchte Dörte es mal wieder den Autopilot einzuschalten und er funktionierte wieder! Welch eine Erleichterung . . .
Doch wir waren gewarnt. Womöglich gab es in der Steuerung ein Bauteil, das der Dauerbelastung oder einer Überlastung nicht mehr gewachsen war. Eine neue Baustelle . .
Die Nacht wurde wegen dunkler Wolken, Schauerböen und zeitweise Wetterleuchten nicht so gemütlich. Außerdem nahm der Schiffsverkehr zu, denn wir näherten uns der Route vom und ins Mittelmeer. Wir waren froh unser aktives AIS zu haben und konnten Schiffe, die uns scheinbar nicht auf dem Schirm hatten, direkt anfunken. Eine kleine Kursänderung von 2-3 Grad konnte so die Lage immer entspannen.

Noch eine Überraschung, Dörtes Dubarrystiefel verloren die Sohle . . .
Auch an diesem Tag gab es keinen perfekten Sonnenuntergang . .
In der Situation war ein Funkspruch fällig . .

4.Tag
Morgens konnten wir ein Etmal von 134 sm ermitteln, womit wir innerhalb der Annahmen lagen.
Trotzdem war die Gegenanbolzerei anstrengend. Deshalb wurde der Wetterbericht von Matthias an diesem Morgen besonders gern gelesen. Der Wind sollte mit dem Abziehen der Schauerzellen auf NW drehen und auf 5 Bft zunehmen. Das versprach schöne Segelmeilen auf dem direkten Weg nach Portimao.
Mittags kam von achtern die Grete Maersk direkt auf uns zu. Bei Dörtes Funkspruch gab der Wachhabende zu, uns noch nicht gesehen zu haben. Kurz danach legte sich das 300m Schiff mit 22 kn leicht auf die Seite, er hatte den Kurs geändert.

Wenige Grad Kursänderung und der Riesendampfer macht einen großen Bogen um die kleine Festina lente . .


Dank der guten Wetteraussichten konnten wir den Kurs soweit ändern, dass der Diesel und wir endlich Ruhe hatten.
Nachdem wir die SW-Ecke des Verkehrstrennungsgebiets erreicht hatten, hier lag auch unser 400sm Wegepunkt, wurde der direkte Kurs auf Portimao abgesetzt. Die letzten 50 sm gab der Wind nochmal alles. In 2 1/2 m Seegang kreuzten wir den Verkehr nach Gibraltar bei zunehmender Windstärke. So hatten wir schließlich 3 Reffs im Großsegel und das Vorsegel etwas eingerollt (6 Bft). Wir machten gute Fahrt und erlebten einen der schönsten Segeltage der Tour.

Außerhalb des Verkehrstrennungsgebiets mussten die großen Pötte uns eigentlich ausweichen . .
Relaxen gehört auch dazu . .
Einfach schönes Segeln . .

Unterwegs begleitete uns einige Zeit eine Gruppe Delfine, wir waren beim Anblick der schnell schwimmenden und springenden Tiere mal wieder begeistert. Später nahmen Wind und Seegang in Küstennähe ab, sodass die letzten Meilen etwas gemütlicher wurden.

Delfinalarm . .
Traumhaftes Blauhimmelsegeln . .


Gegen 23.30 erreichten wir die Einfahrt nach Portimao und um 5 vor 12 fiel der Anker im Mündungsgebiet des Rio Arade. Nach einem kleinen Ankommensdrink und heißer Dusche fielen wir erleichtert in die seit Tagen verwaiste Vorschiffskoje . . .

Unsere Position bei Vesselfinder . .

3 Gedanken zu “500 sm am Wind mit Überraschungen . . .

  1. Wieder mal ein spannender Bericht.Ich habe mit Euch gelitten bei dem Diesel Pech.Ich weiß wie das ist. Wir hatten mal 10 Kur Diesel im Schiff.Hatte noch ein paar Jahre danach gestunkenViele Grüße
    Karin u Ingo

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  2. Hallo Dörte, hallo Felix, schöner Reisebericht über die 500 Seemeilen. Wir sind am 13.-21. Mai in Lagos, um unsere neugekaufte Sun Odyssey 36i zu übernehmen. Dafür eine Pauschalreise gebucht. Wir werden unsere SO 36i nach der 2. Impfung Anfang Juni nach Hause überführen. Vielleicht treffen wir uns mal wieder.

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